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Neue Ideen für Autismus-freundliche Arbeitsumgebungen

Arbeitsplatzanpassungen wie das Dimmen des Lichts oder das Bereitstellen von Noise-Canceling-Kopfhörern für autistische Mitarbeiter sind notwendige Maßnahmen, die sich schnell und einfach umsetzen lassen. Aber Autist*innen brauchen mehr als das, um sich wohlzufühlen und ihr ganzes Potenzial abrufen zu können. Es ist an der Zeit, tiefer in die Diskussion über Arbeitsplatzanpassungen bei Autismus einzutauchen.

Von Louise Stone

Als Autistin habe ich meine eigene Sicht auf dieses Thema. Ich habe in verschiedenen traditionellen Arbeitsumgebungen gearbeitet und dabei alle Seiten des Problems der Arbeitsplatzanpassung gesehen.

Ich kann sagen: Es ist komplex und verwirrend – und das sollte es nicht sein.

Reizüberflutung ist für viele Autist*innen ein Problem am Arbeitsplatz

Viele Mitarbeiter*innen bei auticon haben eine nicht sehr geradlinige Karriere mit vielen kurzlebigen Jobs hinter sich. Wenn man sie fragt, warum diese Jobs nicht funktioniert haben, dann kommt oft heraus, dass sie nicht einmal die einfachsten Änderungen durchsetzen konnten, die für sie wichtig waren. Zwar wussten sie, dass sie ein Recht auf Anpassungen ihrer Arbeitsplätze an ihre Bedürfnisse haben, aber sie wussten nicht, wen sie fragen sollten oder welche Art von Änderungen angemessen wären. Oder sie hatten einfach zu viel Angst, von ihrem Autismus zu erzählen und dann stigmatisiert und ausgegrenzt zu werden.

Leider ist es nicht überraschend, das zu hören. In vielen Unternehmen liegt es bei der Person, die die Anpassungen benötigt, das Gespräch mit Vorgesetzten zu führen und so sicherzustellen, dass ihre Bedürfnisse erfüllt werden. Hier muss es einen Wandel in der allgemeinen Arbeitsplatzkultur hin zu echter Inklusion geben. Die Last muss von den Schultern des Mitarbeiters genommen und auf die Schultern des Arbeitgebers gelegt werden.

Aber was können Sie als Arbeitgeber tun, was über das Schaffen von reizarmen Umgebungen hinausgeht?
Erstens: Flexible Arbeitszeiten erlauben!

Bei auticon nehmen wir oft viele individuelle Anpassungen an der Arbeitsumgebung der Autist*innen vor. Für viele Autist*innen sind bestimmte strukturelle Rahmenbedingungen wichtig, zum Beispiel bezogen auf ihre Arbeitszeiten. Nicht jeder/r Autist*in kann und möchte volle 40 Stunden pro Woche arbeiten. Das Pensum ist sehr individuell: Ein Kollege kommt mit 35 Stunden klar, ein anderer braucht vielleicht eine Halbtagsstelle mit 20 Stunden, weil diese ihn schon sehr anstrengen. Natürlich können nicht alle Positionen mit Teilzeitkräften ausgefüllt werden – wo es möglich ist, sollten Sie das aber in Erwägung ziehen und den Arbeitsplatz schon in der Stellenbeschreibung mit 30+ Stunden anstatt der üblichen starren 40-Stunden-Vollzeitstelle anbieten. So finden Sie vielleicht die perfekte Fachkraft, die sich sonst von der Stellenbeschreibung hätte abschrecken lassen. Generell ist Flexibilität bei der Zeitplanung hilfreich:

„There is a time to hyperfocus on a limited number of great things, and then there is a time to sleep…“ – Zeichnung eines auticon-Kollegen aus den USA

Autisten, die hyperfokussiert sind, können mehr in kurzer Zeit erledigen, aber sie brauchen danach auch mehr oder längere Pausen, um einen Burnout zu verhindern. Wer ihnen das ermöglicht, profitiert von den hochwertigen Ergebnissen der Hyperfokus-Phase und kommt diesem häufigen autistischen Arbeitsstil entgegen. Andere Mitarbeiter*innen haben vielleicht häufige Termine, sind auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, die nach einem festen Zeitplan fahren, oder haben genaue Routinen, deren Unterbrechung störend wäre. Flexible Arbeitszeiten oder längeren Pausen kommen auch ihnen entgegen.

Zweitens: Lassen Sie die Öffentlichkeit wissen, dass Sie ein Autismus-freundlicher, inklusiver Arbeitgeber sind!

Die meisten Stellenausschreibungen zeigen heutzutage, dass sie offen für alle Menschen sind, unabhängig von Gender, Herkunft, Alter usw. Das bedeutet jedoch nicht viel für den durchschnittlichen autistischen Arbeitssuchenden, der sich durch Vorstellungsgespräche gekämpft hat, weil es an Entgegenkommen und Verständnis fehlte. Wenn sich jemand bei auticon bewirbt, ist es ziemlich offensichtlich, dass er sich bei einer Autismus-positiven Stelle bewirbt, aber jedes Unternehmen kann mit einigen kleine Ergänzungen in seinen Stellenausschreibungen zeigen, dass es autistischen Menschen entgegenkommt.

Hier ein paar Beispiele:

  • Stellen Sie den Einstellungsprozess in allen Phasen und Schritten dar. Die meisten Autisten planen gerne und haben eine Menge detaillierter Informationen, um nichts zu übersehen. Eine einfache Möglichkeit, dies umzusetzen, ist eine automatische E-Mail-Antwort zu Beginn des Prozesses. So wissen die Bewerber ungefähr, wie lange sie möglicherweise warten müssen, wie viele Vorstellungsgespräche es geben könnte und wie der Prozess im Allgemeinen aussieht.
  • Beurteilen Sie die Bewerber nur nach den für die Stelle erforderlichen Fähigkeiten. Das scheint einfach zu sein, aber Sie werden überrascht sein, wie viele „Soft Skills“ Sie abfragen, die für die Stelle nicht unmittelbar relevant sind, wenn Sie Ihre Stellenausschreibungen analysieren und die genauen Anforderungen für die Stelle selbst abgleichen.
  • Muss der Bewerber für seine Tätigkeit wirklich eine „ausgezeichnete zwischenmenschliche Kommunikation“ haben? Was genau bedeutet Teamfähigkeit für diese Stelle?Bitten Sie die Bewerber, Ihnen ihre Bedürfnisse an eine Autismus-freundliche Umgebung mitzuteilen, wenn sie ein Vorstellungsgespräch vereinbaren. Damit zeigen Sie, dass Sie offen für Anpassungen sind. Es normalisiert das, verringert den Stress des Bewerbers und lässt ihn wissen, dass die Notwendigkeit von Anpassungen keinen negativen Einfluss auf das Ergebnis des Vorstellungsgesprächs haben wird.
  • Bei auticon sprechen wir nicht von „Vorstellungsgespräch“ oder Bewerbungsgespräch, sondern nennen es „Informationsgespräch“. Das klingt weniger bedrohlich und zeigt, dass wir anders an interessierte potenzielle neue Mitarbeiter*innen herangehen als herkömmliche Unternehmen
  • Autisten neigen dazu, alles wörtlich zu nehmen. Und sie bewerben sich nur, wenn sie aus ihrer Sicht die Anfordeungen der Stelle auch erfüllen können. Wenn Sie schreiben: „Steuermann“ gesucht!“, ist das in den seltensten Fällen eine Position für einen ausgebildeten Lotsen – Autisten, die zwar super in der Steuerung von Prozessen sind, aber eben keine „Steuermänner“, werden sich eventuell abgeschreckt fühlen. Seien Sie klar in Ihrer Kommunikation!
Autist*innen neigen dazu, Formulierungen wörtlich zu nehmen. Vermeiden Sie Bildsprache, sie kann nur verwirren!

Beim (potenziellen) Arbeitgeber nach Anpassungen des Bewerbungs- oder Arbeitsumfeldes zu fragen und ihre Notwendigkeit zu erklären erfordert Selbstbewusstsein und Offenzeit und ist nicht einfach für Autist*innen. Sie als Arbeitgeber können ein Katalysator für mehr Neurodiversität am Arbeitsplatz sein, indem Sie diese Änderungen vornehmen und eine Denkweise verkörpern, die sich immer auf inklusives Design und echte Akzeptanz konzentriert.

Louise Stone ist für Recruitment and Community Partnerships bei auticon in den USA zuständig und selbst Autistin. Ihr beruflicher Lebenslauf ist ist typisch für viele Autisten: Sie schloss 2016 das College mit einem Abschluss in Psychologie ab und arbeitete dann fast 2 Jahre lang im Vertrieb bei Yelp. Danach wechselte Louise zwischen verschiedenen Jobs, in denen sie aber ihre Fähigkeiten oder Interessen nicht voll einbringen konnte, darunter Tech-Start-ups, eine Marketing-Agentur und eine Hausverwaltung. Die Arbeit bei auticon ist der erste Job, bei dem Louise das Gefühl hat, dass sie ihr volles Potenzial ausschöpfen kann, in einem Bereich arbeitet, der sie interessiert, und viele Möglichkeiten für ihre berufliche Weiterentwicklung hat.

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